Coleia martinlutheri aus Eisenach, 195 Mio. Jahre alt
Stuttgart/Greifswald: Auf der Suche nach wahrscheinlich im Krieg verschollenem fossilem Sammlungsmaterial (versteinerte Krabben von der Insel Bornholm) stieß ein Mitarbeiter des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart, Dr. Günter Schweigert, in der Sammlung des geologisch-paläontologischen Instituts der Universität Greifswald auf ein sehr gut erhaltenes Krebsfossil. Der Fund wurde schon im Jahr 1979 vom damals in Greifswald tätigen Paläontologen Dr. Werner Ernst (bekannt durch den Fund des Dinosauriers Emausaurus ernsti im Unterjura von Mecklenburg-Vorpommern) bei Geländeaufnahmen in einem Neubaugebiet in Eisenach (Thüringen) gemacht. Der Krebs kam dann in die Sammlung der Universität Greifswald. Das gut erhaltene Krebsfossil ist eine Besonderheit, da es in Eisenach ein ganz isoliertes Vorkommen von Gesteinen aus der Zeit des frühen Unterjura (vor ca. 195 Millionen Jahren) gibt, das aber normalerweise nicht sichtbar ist und nur gelegentlich bei Tiefbauarbeiten aufgedeckt wird. In der Regel zerfallen solche filigranen, in Tonsteinen erhaltenen Fossilien wie der Krebs in kleinste Stückchen, noch ehe sie erkannt werden. Hier gelang jedoch dem Finder, das Fossil nahezu komplett zu erhalten, indem er den Fund in feuchtes Zeitungspapier einwickelte und ganz langsam trocknen ließ. Danach übergab er den Krebs der Sammlung in Greifswald.
Der wissenschaftliche Wert des Fossils ist bedeutend. Der fossile Krebs ist das einzige Exemplar seiner Art und Erstfund der Gattung aus dem oben genannten Fundzeitalter in ganz Deutschland. Die Gattung „Coleia“ war sonst nur zur selben Zeit mit anderen Arten in England und Italien vertreten. Heutige Verwandte dieser Krebsgruppe - die so genannten Vielscherer - leben in der Tiefsee. Dies gilt für die Arten aus der Jurazeit noch nicht, denn diese lebten in flachen Schelfmeeren. Der versteinerte Krebs ist etwa 7 cm lang. Mit seinen seitlich ausgebreiteten Scherenarmen erweckte er beim Bearbeiter die Assoziation eines gestikulieren Predigers. Da lag es nahe, diesen Krebs nach Martin Luther zu benennen, der bekanntlich auf der Wartburg bei Eisenach die Bibel übersetzt hat. Zu Luthers Zeiten galten Fossilien noch als Naturspiele, nicht als Reste von Lebewesen.
Dem wissenschaftlichen Bearbeiter des Fossils, Dr. Günter Schweigert, ist die Gattung, zu der die neue Art gehört, bestens vertraut. Der Mitarbeiter des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart ist Spezialist für diese Krebsgruppe und konnte die Gattung schon mehrfach auf der Schwäbischen Alb im so genannten „Nusplinger Plattenkalk“ nachweisen. Diese Fundschicht stammt aus der Zeit des Oberen Juras und ist ca. 145 Millionen Jahre alt. Der neu beschriebene fossile Krebs ist ein Vorfahre der Exemplare, die in Nusplinger Plattenkalken entdeckt wurden. Der neue Fund verkleinert eine wichtige Kenntnislücke über die Verbreitung der Gruppe zur Jurazeit.
Foto: Dr. Stefan Meng (Universität Greifswald).
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