Wissenschaftler entdeckten neue fossile Insektenarten
22.05.2017

Die 54 Millionen Jahre alten Funde liefern neue Erkenntnisse über die geologische Geschichte Indiens

Bernstein aus dem Nordwesten Indiens wird zwar erst seit wenigen Jahren wissenschaftlich untersucht. Die darin eingeschlossenen 54 Millionen Jahre alten Insekten haben sich aber immer wieder als wichtiges Puzzleteil in der Debatte um die Entwicklung von Indiens Fauna erwiesen.

Der Indische Subkontinent, welcher einst Teil Gondwanas (Ur-Kontinent) war, trennte sich vor etwa 130 Millionen Jahren von diesem Superkontinent und machte sich auf den Weg Richtung Norden, um etwa 80 Millionen Jahre später mit Asien zu kollidieren. Lange wurde in der Wissenschaft davon ausgegangen, dass Indien während seiner Reise weitestgehend abgeschnitten vom Rest der Welt war, so dass sich eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt entwickelte.

Untersuchungen von fossilen Insekten im Cambay Bernstein liefern allerdings Hinweise darauf, dass es vor der Entstehung des Indischen Bernsteins einen regen Faunenaustausch zwischen Indien und Europa gab. Frauke Stebner, Insektenkundlerin und Bernsteinexpertin, konnte dies in einer Arbeit über die Lygistorrhiniden im Indischen Bernstein zeigen. Bei den Lygistorrhiniden handelt es sich um eine Familie von Zweiflüglern, zu denen die Mücken und Fliegen gehören.

Die Studie führte die Forscherin an der Universität Bonn und im Naturkundemuseum Stuttgart in Zusammenarbeit mit einem internationalen Wissenschaftlerteam durch.

Die Ergebnisse der Untersuchung, die der Theorie eines isolierten Indischen Subkontinents widersprechen, wurden nun in der Fachzeitschrift PeerJ veröffentlicht.

Die heutzutage ausschließlich in tropischen Regionen verbreiteten Lygistorrhiniden sind bisher nur mit sieben ausgestorbenen und acht lebenden Gattungen bekannt. Unter Berücksichtigung der Seltenheit dieser Gruppe hat die Untersuchung von acht Fossilien im Indischen Bernstein eine erstaunliche Vielfalt ergeben: Drei neue Arten aus drei unterschiedlichen Gattungen sind beschrieben worden. Das übertrifft sogar die Artenzahl aus dem wohl bekanntesten fossilen Harz, dem Baltischen Bernstein, aus welchem nur zwei Arten beschrieben sind.

Die neu beschriebenen Fossilien des Cambay Bernsteins zeigen verschiedene Verbreitungsmuster: Indorrhina sahnii ist eine vollkommen neue Gattung und Art, welche nur aus dem Indischen Bernstein bekannt ist, wohingegen Lygistorrhina indica zu einer Gruppe von Zweiflüglern gehört, welche auch in deutlich jüngerem Dominikanischem Bernstein und in heutigen tropischen Regionen vorkommt. Der interessanteste Fund ist vermutlich Palaeognoriste orientale – dieses Fossil aus dem Indischen Bernstein hat seine nächsten Verwandten in etwas jüngerem Baltischem Bernstein aus Europa und untermauert somit die Theorie, dass es vor der Entstehung des Bernsteins einen Faunenaustausch zwischen beiden Regionen gab.

Die Ausbreitungswege der Tiere sind bislang noch unklar. Vorstellbar ist aber, dass die Insekten Inselkettensysteme zwischen Indien und Europa benutzt haben könnten, um sich auszubreiten. Ähnliche Überlegungen lieferte auch schon eine Untersuchung anderer Zweiflügler des Indischen Bernsteins.

Quelle:

PeerJ, DOI 10.7717/peerj.3313

Lygistorrhinidae (Diptera: Bibionomorpha: Sciaroidea) in early Eocene Cambay amber

Frauke Stebner Corresp., 1, 2, Hukam Singh 3, Jes Rust 1, David A Grimaldi 4

  • 1 Steinmann-Institut, Abteilung Paläontologie, Bonn, Germany
  • 2 Department of Entomology, Stuttgart State Museum of Natural History, Stuttgart, Germany
  • 3 Birbal Sahni Institute of Palaeosciences, Lucknow, India
  • 4 American Museum of Natural History, New York, USA
  • Corresponding Author: Frauke Stebner 

https://peerj.com/articles/3313/

Bildmaterial:

Palaeognoriste orientale, eine neu beschriebene Art aus Indischem Bernstein. Die nächsten Verwandten dieser Mücke sind in Baltischem Bernstein aus Europa zu finden.

Foto: Frauke Stebner