14.11.2001 - 07.04.2002 | Sonderausstellung im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart, Museum am Löwentor

Urmütter der Steinzeit - Bilder weiblicher Schöpfungskraft

Sonderasusstellung

Die Kunst macht den Menschen. Nach Jahrzehnten intensiver Primatenforschung im Freiland sind nicht mehr viele der früher für grundsätzlich gehaltenen Unterschiede zwischen Tier und Mensch übrig geblieben. Selbst Werkzeugherstellung (mit der wir uns gerne brüsten) und heimtückischer Mord (den wir lieber verschweigen) sind keine exklusiv menschlichen Fähigkeiten, sondern auch schon bei Schimpansen gang und gäbe. Auf der Suche nach dem spezifisch Menschlichen stößt man aber unweigerlich auf unsere Fähigkeit zur Abstraktion und zur Kunst. Kein unbeholfenes Gekritzel oder grob Geschnitztes tritt uns in den frühesten Höhlenmalereien und den ältesten Plastiken entgegen, sondern Kunst in einer Qualität, die nicht zu übertreffen ist. Nicht die Detailgenauigkeit ist es, die wir an vielen dieser Kunstwerke bewundern, sondern die unglaubliche Fähigkeit der Reduktion auf das Wesentliche, das mit wenigen Strichen an der Wand zum Leben erweckte Mammut, die mit ebenso leichter wie sicherer Hand skizzierte Wildpferdherde. Neben Tieren hatten die Menschen der Steinzeit vor allem ein Motiv: Frauen - eines der großen Themen der Kunst bis heute.

Im Anschluss an unsere Sonderausstellung "Ahngesichter", die unsere Vorfahren in sehr individuellen Portraits vorstellte, präsentieren wir nun eine von Ruth Hecker konzipierte Sonderausstellung mit etwa 80 hochwertigen Abgüssen von Frauenfiguren aus der Steinzeit. Solche Figuren entdeckte man bereits unter 27000 Jahre alten Siedlungsresten. Die altsteinzeitlichen Fundstellen dieser Statuetten erstrecken sich von Westfrankreich über Italien, Österreich, Tschechien, Ukraine bis nach Sibirien im östlichen Russland. In der Jungsteinzeit wurden sie vor allem im Mittelmeer- und südosteuropäischen Raum gefunden. Trotz des riesigen Verbreitungsgebiet, vom Südwesten Frankreichs bis zum Baikalsee, gleichen sich die Figuren aus Stein, Geweih oder Mammutelfenbein oft verblüffend. Kontakte zwischen den Menschen sind deshalb ebenso wahrscheinlich wie eine ähnliche Bedeutung und Verwendung der Kunstwerke. So wie die Tiere der Höhlenmalereien lassen die Frauen individuelle Merkmale fast vollständig vermissen. Die meisten haben keine Gesichter; damit fehlt ihnen jeder Ausdruck eigener Persönlichkeit. Auch ihre Körper erscheinen stark stilisiert, sind meist unbekleidet und haben üppige Formen. Typisch zum Beispiel die "Venus von Willendorf", eine der berühmtesten Eiszeitfrauen, elf Zentimeter hoch und ungefähr 25000 Jahre alt. Hüften und Po, Geschlechtsorgane, Bauch und Brüste erscheinen übermäßig betont, während die dünnen Arme nur angedeutet sind und die Füße sogar ganz weggelassen wurden.

Natürlich wurde viel über die Sinn und Zweck solcher Figuren spekuliert. Stilisierung und Abstraktion bringen die überpersönliche Bedeutung der Statuetten zum Ausdruck. Meist wird deshalb davon ausgegangen, dass sie Fruchtbarkeit und lebensspendende Kraft symbolisieren und kultische oder religiöse Bedeutung hatten: Urmütter.<br>

Ergänzt wird die Ausstellung durch die archaischen Eitempera-Gemälde der Künstlerin Judith Hecker.

Begleitbroschüren

Zur Ausstellung bieten wir die Begleitbroschüren"Urmütter der Steinzeit - Bilder weiblicher Schöpfungskraft" (€ 8,00) von Ruth Hecker sowie den Kunstkatalog "Im Ursprung - Visionen zur Ausstellung" von Judith Hecker (€ 5.-) an. Über das Begleitprogramm informieren Sie sich bitte auf dem Veranstaltungskalender.

Begleitausstellung

Am 16.1.2002 erhalten die steinzeitlichen Urmütter Begleitung aus der Neuzeit . Fünf Künstler und Künstlerinnen (Thomas Fiedler, Andreas Futter, Edith Maßberg-Fakundiny, Silvia Siemes und Gabriele Wichmann) stellen sich mit ihren Arbeiten aus Bronze, Holz und Keramik vor.

Sie greifen mit ihren Skulpturen das Thema Frau wieder auf und interpretieren es in einer modernen Form. Die Figuren zeigen die Frau einerseits als Gebärende, Beschützende und Bewahrende und andererseits als Göttinnen und Kriegerinnen. So sind ganz unterschiedliche Statuen entstanden. Von überlebensgroßen Stelen und fetischähnlichen Miniaturen als Schmuck bis zu naturnahen aber doch stilisierten Figuren reicht die Palette der entstandenen Formen.

Laufzeit: 17.1. bis 7.4.02