Husch, ihr kleinen Wespen! – Insektenfreundliches Mähen am Straßenrand

07.05.2024 | M.Sc. Maura Haas-Renninger

Das Mähen von Grünflächen tötet bis zu 88 % der darin lebenden Insekten, Spinnen und anderen Krabbeltiere. Dazu zählen auch sehr kleine, oft übersehene und doch für uns sehr wichtige Wiesenbewohner. Insektenexpertin Maura Haas-Renninger stellt die winzigen Nützlinge vor und zeigt auf wie es um insektenfreundliche „Mäh-Varianten“ steht.

Ich dachte mir nicht viel dabei, als ich zusagte, mir die Kiste voller Probenröhrchen genauer anzuschauen. Was ich nicht ahnen konnte war, was sich daraus noch entwickeln würde: ein Besuch im Schwarzwald, ein Experiment am Straßenrand und ein gemeinsames Ziel: Insekten vor dem Mähtod zu retten.

Was ist in der Kiste?

Mein Betreuer brachte eine Kiste mit in die Besprechung, in der es um meine Doktorarbeit gehen sollte. „Die stammen von einem Versuch mit einem insektenschonenden Mähgerät. Das ist ein super spannendes Projekt“, sagte er, „und das würde doch toll zu deiner Arbeit passen!“ Naja, dachte ich. Ein paar Probenröhrchen durchzuschauen und ein bisschen Statistik zu machen sollte ja schnell erledigt sein. Das war bevor ich mir die Kiste und ihren Inhalt genauer angeschaut hatte. Im Nachgang bin ich froh, dass ich damals zugesagt hatte, denn ich habe mithilfe dieser Kiste voller Probenröhrchen viel über Mähgeräte und deren Auswirkungen auf Insekten gelernt.

Insektenfreundliches Mähen – Geht das?

Ein insekten- und spinnenschonendes Mähgerät? Als die Firma MULAG Fahrzeugwerk Heinz Wössner GmbH u. Co. KG im Schwarzwald sich den Bau eines solchen Mähgeräts zum Ziel setzte, war klar, dass es auch nachweislich die kleinen Rasen- und Wiesenbewohner schützen sollte. Deshalb wurden die Universität Tübingen mit Prof. Dr. Oliver Betz und die Universität Hohenheim mit Prof. Dr. Johannes Steidle mit ins Boot geholt. Sie sollten in einem ersten Versuch testen, wie das insektenschonende Gerät im Vergleich zum konventionellen Schlegelmulcher abschneidet. Ein Schlegelmulcher ist ein Mähgerät, das das Gras gleichzeitig schneidet und zerkleinert und das häufig an Straßenrändern zum Einsatz kommt. Außerdem sollte getestet werden, inwieweit eine Insektenscheuche, also eine Lkw- Plane die vor dem Mähkopf angebracht wird, hilft, Insekten zu verscheuchen, bevor sie unter den Mäher geraten. Das Konzept der Scheuche kommt ursprünglich aus dem Vogelschutz und soll bewirken, dass brütende Vögel bei der Heuernte aufgescheucht werden und rechtzeitig vor dem nahenden Mäher flüchten können. In dieser Untersuchung wurde das Scheuchen-Konzept erstmals für Insekten getestet.

Hier kam ich ins Spiel, da ich mir die kleinsten der beprobten Insekten genauer anschauen wollte: die parasitoiden Wespen.

Eine LKW-Plane vor den Klingen des Mähkopfes soll Insekten verscheuchen.
Parasitoide Wespe auf einem Grashalm
Parasitoide Erzwespe der Gattung Bruchophagus (Bild: A. Bellersheim / SMNS)

Mähen wirkt sich auf Insekten aus

Für die meisten Insekten und auch für andere Krabbeltiere hat die Mahd schwere Folgen, da beim Mähen mit dem Rasenmäher zwischen 60 und 88 % der Tiere getötet werden. Zusätzlich wird den Überlebenden durch das Abmähen von Pflanzen oft die Nahrungsgrundlage genommen. Im Fall von Straßenrändern kann aber aus Sicherheitsgründen nicht aufs Mähen verzichtet werden. Deshalb ist ein Ansatz, das Mähen so insektenschonend wie nur möglich zu gestalten.

Für die parasitoiden Wespen – die zu meinem Fachgebiet zählen – wurden die Auswirkungen der Mahd bisher leider noch nicht untersucht. Sie sind deutlich kleiner als ihre schwarz-gelb gestreiften Verwandten, sind unglaublich artenreich und legen ihre Eier an oder auch in ihren Wirt ab, was meist andere Insekten oder Spinnen sind. Der Wirt stirbt im Laufe der Entwicklung der Wespenlarve, wodurch parasitoide Wespen eine wichtige Aufgabe im Ökosystem erfüllen: Sie halten ihre Wirtspopulationen in Schach, sodass diese nicht Überhand nehmen.

Insektenfreundlicher Mäher und Insektenscheuche im Test

Für das Experiment wurden Streifen am Straßenrand entweder mit einem konventionellen Mähkopf oder dem insektenfreundlichen Mähkopf gemäht, oder zur Kontrolle unbehandelt belassen. Danach wurden die Streifen beprobt, indem jeweils drei 1 m³ große Käfige pro Streifen aufgestellt und mithilfe eines Insektensaugers ausgesaugt wurden. Die Insekten wurden in Probenröhrchen mit Alkohol aufbewahrt. Genau diese Probenröhrchen befanden sich in der geheimnisvollen Kiste, die mein Betreuer mir überreicht hatte. In einem zweiten Versuch haben wir eine Insektenscheuche, also eine dem Mäher vorgehängte Lkw-Plane getestet, indem wir sie über weitere Grünstreifen am Straßenrand gezogen haben. Da wir nur den Einfluss der Insektenscheuche testen wollten, wurde in diesem Versuch nicht gemäht. Im Anschluss habe ich die gefangenen Parastoiden beider Versuche mithilfe von Studierenden ausgezählt und bis zur Familie bestimmt. Bei beiden Versuchen haben wir nur die intakten Insekten ausgezählt und uns angeschaut, wie viele von ihnen nach der Behandlung durch die Mäher bzw. durch die Scheuche im Vergleich zur Kontrolle noch auf den Streifen waren.

Käfig wird mithilfe eines Insektensaugers ausgesaugt
Nach dem Mähen wird eine der beprobten Flächen mit einem Insektensauger ausgesaugt. Bild: M. Haas-Renninger, SMNS

Nur bedingt besser für Parasitoiden

Der konventionelle Mähkopf hatte schwerwiegende Auswirkungen auf die parasitoiden Wespen. Im Vergleich dazu war der als insektenfreundlich bezeichnete Mähkopf tatsächlich schonender, allerdings nur für Erzwespen, welche einen Großteil der gezählten Wespen ausmachten. Unsere Hoffnung lag deshalb auf der Insektenscheuche. Jedoch hatte auch sie nur bedingt positive Effekte auf die kleinen Wespen. Das zeigt, dass kleine parasitoide Wespen durch den getesteten insektenschonenden Mäher und die Scheuche beim Mähen nur bedingt geschont werden. Deshalb ist es umso wichtiger, nicht alles auf einmal abzumähen, sondern immer auch Streifen an wechselnden Stellen stehen zu lassen. Für unsere Insekten ist es sogar am besten nur zweimal im Jahr zu mähen, einmal im Sommer zwischen Juni und Juli, und einmal im Herbst ab Mitte September. Anschließend sollte das Schnittgut abgetragen werden.

Literatur

Haas‐Renninger, M., Weber, J., Felske, I., Kimmich, T., Csader, M., Betz, O., Krogmann, L., Steidle, J. L. M. (2023). Microhymenoptera in roadside verges and the potential of arthropod‐friendly mowing for their preservation. Journal of Applied Entomology. Wiley. http://doi.org/10.1111/jen.13199

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